Listenhunde: Gesetzlicher Hunderassismus?

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Listenhunde

Als Kleintierarzt und gleichzeitiger Hundehalter beschäftigt mich die anhaltende Debatte um die so genannten Kampfhunde – oder auch Listenhunde – persönlich schon seit Langem. Im Folgenden möchte ich euch einmal meine persönliche Sichtweise näherbringen.

Woher kommt die Unterteilung in „Listenhunde“ und „normale Hunde“?

Allen voran treibt mich eine Frage: Wie konnte es dazu kommen? Wer zum Geier kam auf die Idee eine Liste zu erstellen, die Hunderassen benennt, die in vereinzelten Bundesländern per se und grundsätzlich als bösartig ab Geburt gelten? Menschliche Gewalttäter werden doch auch nicht geboren. Oder gibt es schuldige Babies?

Niemand, mit nachweislicher Expertise für Verhaltensbiologie bei Hunden, hat jemals behauptet, dass Aggression genetisch zu beeinflussen ist. Des weiteren gibt es weder einen einzigen Fachmann oder auch Fachfrau, der/die behauptet, dass Verhaltensmuster vererbt werden. Es ist mehrfach wissenschaftlich bewiesen, dass das Verhalten jedes Individuums einzig durch Erfahrungen sowie Erziehung erzeugt wird. Nicht durch Gene. Man könnte das Ganze als „Hunderassismus“ bezeichnen. Denn es wäre auch genauso rassistisch zu behaupten, dass dunkelhäutige Menschen grundsätzlich gewalttätiger als Hellhäutige seien.

Längst überholte Regelungen

Wenn also Politiker im Jahre 2000, nach der tödlichen Beißattacke zweier Hunde eines vorbestraften Verbrechers, mit der Einführung der Rassenliste einen regelrechten Aktionismus beginnen, ist dies für mich vielleicht noch nachvollziehbar. Auch wenn damals wie auch heute keine Hinweise auf eine genetische Neigung zur Aggression einzelner Hunderassen vorlagen.

Dass diese willkürlichen Listen jedoch heutzutage, 20 Jahre später, immer noch in einigen Bundesländern Gültigkeit haben, obwohl es keinen Beweis für genetisch bedingte Aggressionen gibt, erstaunt mich doch sehr.

Problemlöser Hundesteuer?

An die Kampfhund-Listen ist unter anderem oft die Bemessung der Hundesteuer gekoppelt. So wird in manchen Städten und Gemeinden versucht die Gebiete von den gelisteten Hunderassen zu befreien, indem man diese Rassen exorbitant hoch besteuert. Wo mancher Orts ein Nicht-Listenhund im Jahr mit knapp 100 € besteuert wird, kann ein sogenannter Kampfhund mit bis zu 1500 € jährlich an Hundesteuer kosten.

Diese Steuer ist übrigens nicht zweckgebunden – das bedeutet, dass durch sie generierte Einnahmen nicht der Hundehaltung im Ortsgebiet zu Gute kommen müssen. Stattdessen können die so erzielten Einkünfte für vollkommen anderweitige Maßnahmen verwendet werden. Dieses Prozedere scheint bundesweit in vielen Städten und Gemeinden ein probates Mittel zu sein, um entweder die Anzahl der Listenhunde rigoros zu reduzieren oder den Halter finanziell maximal zu schröpfen.

Meine Erfahrung in 20 Jahren als Tierarzt

Ich bin jetzt seit fast 20 Jahren in der Tiermedizin tätig (sowohl als Tiermedizinischer Fachangestellter wie auch Tierarzt), habe aber keinen einzigen aggressiven Listenhund erlebt. Ganz im Gegensatz zu den nicht gerade selten auftretenden vollkommen unerzogenen Kleinhunden. Über das Argument, dass diese süßen kleinen Wuschel keinen Schaden verursachen würden, kann ich nur müde lächeln. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen wie oft ich von diesen Mini-Sofa-Wölfen ohne Vorwarnung in Hände oder Gesicht gebissen wurde.

Listenhunde

In Nordrhein-Westfalen sind Hunde mit einer Schultermaßhöhe unter 40 cm und einem Körpergewicht von unter 20kg sogar ohne Sachkundenachweis legal zu führen. Wo ist da die Logik?

Erziehung ist das A und O

Das Argument der erhöhten Beißkraft bei manchen sogenannten Kampfhunden funktioniert übrigens nicht, da ich wie oben erwähnt, noch nie einen gesehen habe, der von ihr Gebrauch gemacht hätte – die kleinen ach so süßen Schoßhündchen dagegen recht häufig. Erziehung ist hier das Maß der Dinge.
Zum Vergleich: ein PS-starkes Auto ist auch nicht gefährlicher als ein Familien-Kombi.

Wenn die Nachricht (oder gar ein Video) eines Beißvorfalls viral geht, kann man davon ausgehen, dass es sich beim Verursacher um einen Listenhund handelt, der von einem vollkommen sachkundefreien und fehlgeleiteten Halter ’scharfgemacht‘ wurde.
Die Medien stürzen sich gern auf derartige Vorfälle – der Ruf dieser Rassen wurde so von ihnen in den vergangenen Jahren nachhaltig geschädigt. Die bedeutend häufigsten Beißereien gegen Hunde aber auch Menschen werden hingegen vom unangefochtenen Spitzenreiter, dem Deutschen Schäferhund verursacht. Dies will bloß niemand sehen, denn sie gelten als ‚ungefährlich‘. Diese nicht generell ungefährlichen Rassen haben im Gegensatz zu den SoKas jedoch eine starke Lobby, die sich leider seit Einführung des Hunderassismus nicht für die Gleichstellung von Hunderassen einsetzt – wirklich sehr schade und für mich nicht nachzuvollziehen.

Mein Fazit

Auch wenn ich keinesfalls eine Erweiterung der Listen um tatsächlich häufig in Beißvorfälle verwickelte Rassen fordere, sollte dennoch in der Politik ernsthaft darüber nachgedacht werden, ob es nicht langsam an der Zeit ist den vollkommen ungerechtfertigten und haltlosen Rassismus ad acta zu legen.
Wie wäre es, wenn man individuell für jedes Tier entscheidet ob es als gefährlich eingestuft wird? Die Einführung eines Hundeführerscheins für jeden Hund (egal welche Rasse) ist dabei nur eine Möglichkeit von Vielen.

Da dieser Artikel bis hierher zum Großteil meine Meinung zu diesem Thema darstellt, soll nun ein abschließendes Argument gegen diese Listen folgen – in Form unwiderlegbarer Fakten – der Beißstatistik:
In jeder bis heute veröffentlichten Statistik (egal über welchen Zeitraum in egal welchem Bundesland) spielen sogenannte Kampfhunde eine absolut untergeordnete Rolle – meist werden deutlich mehr als 90% aller Verletzungen bei Mensch und Tier durch nicht-gelistete Hunderassen verursacht.
Die Anzahl an Beißvorfällen ist in den vergangenen Jahrzehnten (nach Einführung der Listen) sogar recht konstant.

Die Listen, eingeführt zur gesetzlichen Reglementierung von Hundebissen, haben somit auf ganzer Linie versagt, da sie nicht zur signifikanten Reduzierung führen konnten und gehören aus diesem Grund ein für allemal abgeschafft.


Sebastian Goßmann-JonigkeitTierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit ist seit 2012 praktizierender Tierarzt für Kleintiere in Engelskirchen bei Köln. Dort leitet er die Praxis gemeinsam mit seiner Frau. Sein Faible gilt der Zahnmedizin für Hunde und Katzen – daher fühlt er sich zwischen Dentalröntgen und Zahn-OP auch besonders wohl. In seiner Freizeit bloggt er auf Facebook und Instagram.


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Kommentare, Fragen und Antworten
  1. Lena d.B. sagt:

    Guter Beitrag und ein weiterer Schritt in die richtige Richtung!
    Als ich mich damit beschäftigte, einen Hund meiner Lieblingsrasse in mein Leben zu lassen, war ich geschockt: sie stehen auf der Liste. Was das für mich und den Hund bedeutet , wurde nach weiterer Recherche nicht schöner… einiges lässt sich noch irgendwie nachvollziehen (Sachkundenachweis, Wesenstest,..)… aber einen Maulkorbzwang? Ein Zaun über 1,80m? Und unverschämt hohe Hundesteuer?! (Hier 600 Euro im Jahr, paar Kilometer weiter nur 90 Euro)… die den Halter theoretisch zwingen, danach zu schauen wohin man zieht? Und die überhaupt nie nachvollziehbar sind! Ausbeute.

    Überall geht es gegen Rassismus, bei Tieren ist das aber vertretbar?
    Alles was Sie sagen, kann ich nur unterstützen. Es ist so falsch ein Tier in eine Schublade zu stecken, nur weil eine Vielzahl an Menschen die Tiere als Waffe verwendeten oder sich im Vorfeld nicht mit Hundeerziehung beschäftigen.

    Naja. Ich könnte mich weiter aufregen…aber ob die Politik da nochmal richtig entscheiden und diese Liste, wie bereits in manchen Bundesländern, abgeschafft wird?

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