Ferndiagnostik beim Tier: (noch) unmöglich!

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Ferndiagnose beim Tier

Das Internet ist schon eine tolle Sache… eigentlich kann man von so ziemlich jedem Ort unseres Planeten zu jeder Tageszeit auf das Wissen der Menschheit kostenfrei zugreifen. Wie einfach erscheint es da mal eben schnell und kostengünstig jedem kranken Tier online helfen zu können? Nobler Ansatz…wenn auch vollkommen unrealistisch. Ich möchte dir in diesem Artikel deutlich machen, dass Ferndiagnostik beim Tier nicht funktioniert und dir 3 Beispiele mitgeben, die dir die Augen öffnen werden.

Warum ist Ferndiagnostik beim Tier nicht möglich?

Als Tierarzt werde ich täglich auf diversen Kanälen wie Instagram, Facebook, E-Mail und WhatsApp mit Anfragen konfrontiert, ob ich nicht mal schnell dem Haustier x oder y helfen könne. Dazu werden in der Regel Symptome des Tierhalters aufgezählt und teilweise sogar durch Blutergebnisse, Röntgen-, Ultraschall- und/oder CT-Bilder von vorbehandelnden Kollegen ergänzt.

Die Anfragen drehen sich meist plump darum, dass ich runterbeten soll, welche diversen Ursachen die festgestellten Symptome ihres Haustieres haben können – hier möchte der Anfragende meist die tierärztliche Untersuchungsgebühr sparen. Geiz ist ja bekanntlich geil.

In Ausnahmefällen bekomme ich ungefragt E-Mails mit Material zugesendet, deren jeweilige Sichtung bereits Stunden in Anspruch nähme. Hier soll ich meist aus der Fülle an durchgeführten Diagnostiken eine plausible Differentialdiagnose als Zweitmeinung stellen. Im diesem Fall wurden mir mitunter horrende Summen geboten, wenn ich mich mit dem Fall eingehend befasse.

Seit Jahren sträube ich mich aber vehement gegen eine derartige Ferndiagnostik beim Tier, weil man sich online auf nur exakt eine Sinneswahrnehmung verlässt: das Sehen. Seien es Fotos, Röntgenbilder oder Videos.

Was braucht es für eine genaue Diagnostik?

Im Verlauf des Studiums der Tiermedizin muss jeder Student das praktische Fach ‚Propädeutik‘ erfolgreich abschließen. Hier werden erlernte Inhalte und Untersuchungstechniken auf den tierischen Patienten angewandt. Falls es jemand bis zu diesem Kurs noch nicht mitbekommen haben sollte, wird hier jedem schnell klar, dass das alleinige Anschauen eines Patienten nur in absoluten Ausnahmen (zum Beispiel ein offener Gliedmaßenbruch) zur Diagnose führen kann.

Nach eigener Erfahrung benötigt man für eine fundierte Diagnose neben einem entsprechenden Maß an Erfahrung jeden seiner Sinne. Erst des Gesamtbild führt über die Erhebung sämtlich gewonnener Befunde schlussendlich zur gesicherten Diagnose.

Diagnose mit allen Sinnen

Was sich hier eher trocken anhört, ist im Berufsalltag ein fließender Prozess. Es hat etwas extrem Befriedigendes einem Tier helfen zu können, nachdem man sämtliche Puzzleteile zusammengetragen hat, um die Ursache der Erkrankung herauszufinden. Für eine umfassende Diagnostik nutzt man als Tierarzt routinemäßig alle Sinne.

So schaut man sich einen Patienten nicht bloß an. Man ertastet sehr viel – beispielsweise Knirschen in Gelenken oder schmerzhafte Organe im Bauchraum. Das Gehör spielt eine zentrale Rolle – sei es bei der Beurteilung von Herzgeräuschen, sowie der Atmung. Selbst den Geruchssinn darf man nicht unterschätzen. Zugegeben, manche ‚Düfte‘ erinnern nicht gerade an Rosen. Dafür lässt sich am Geruch meist recht deutlich unterscheiden, ob der unschöne Maulgeruch der appetitlosen Katze von einer Niereninsuffizienz oder faulen Zähnen herrührt.

Technische Hilfsmittel zur Diagnose

Hinzu kommen all die technischen Hilfsmittel, die einem Tierarzt vor Ort zur Verfügung stehen um die Sinneswahrnehmungen noch zu verbessern. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen und ohne sie wäre eine zuverlässige Diagnostik in den meisten Fällen nicht möglich. Dabei reichen sie bereits in normalen Kleintierpraxen vom einfachen Stethoskop (Abhören von Herz, Atemsystem und Bauchraum) über Röntgengeräte bis hin zu Laborgeräten zur Messung von Blutparametern.

Online-Sprechstunde zur Ferndiagnostik beim Tier?

Mit den heutzutage technischen Möglichkeiten ist es, allem Anschein nach, möglich eine Online-Sprechstunde für menschliche Patienten abzuhalten. Hier wird mittels Videotelefonie im direkten Gespräch mit dem Erkrankten erörtert was für Symptome der Patient bei sich selbst festgestellt hat. Ein kaum zu übertreffender Vorteil zur Tiermedizin. Dort müsste sich der Online-Tierarzt voll und ganz auf die subjektive Wahrnehmung des Tierhalters verlassen. Da man jedoch gerade beim eigenen Tier dazu neigt hoch emotional zu reagieren, sollte jeder Vorbericht sachlich und objektiv am tierischen Patienten geprüft werden.

Natürlich könnte man als Tierarzt generell sagen „Ach, ich versuch es einfach mal. Was kann schon passieren? Vielleicht lässt sich ja noch der ein oder andere Euro machen.“. Spätestens hier muss das Gewissen jedes seriösen Tiermediziners Alarm schlagen. Denn so bequem und einfach es für alle Beteiligten auch wäre – was passiert wenn man sich irrt, weil einige wichtige Sinneswahrnehmungen fehlen? Im schlimmsten Fall stirbt der Patient – schnell oder langsam, im Koma oder unter Schmerzen. Und das will doch wohl niemand riskieren, oder?

Online auf der Suche nach einer Diagnose

Da der absolute Großteil der Tierärzteschaft weder das schnelle Geld sucht, noch so gewissenlos ist das Leben von unbekannten Patienten zu gefährden, hat sich in den vergangenen Jahren eine regelrechte Laien-Ratekultur in Netzwerken und Foren um das Leid von erkrankten Tieren gebildet.

Viele User, egal ob mit oder ohne Haustier, versuchen genau das, was oben beschrieben ist: Ferndiagnostik beim Tier. Der Unterschied zum Tierarzt? In der Regel stammt die vermeintliche ‚Erfahrung‘ aus zweifelhaften Internetquellen und Verantwortung wird niemand übernehmen wenn etwas schiefgeht. Ob es das dann ‚wert‘ war?

Beispiele aus dem Praxisalltag

Es folgen nun drei simple Beispiele, die eigentlich Jedem die Augen öffnen sollten, dass Ferndiagnostik beim Tier so nicht funktionieren kann.

Fall 1

Ein Junghund hatte nachmittags ein Brötchen mit Leberwurst o.ä. beim Spaziergang gefressen und kurz danach wieder erbrochen. Spät abends begann der Hund zu würgen und zeigte nach anfänglicher Aufregung während des Würgens deutliche Schwächesymptome. Das Schwarmwissen eines Internetforums verdächtigte mehrheitlich einen naheliegenden Magen-Darm-Infekt durch das Brötchen. Es erging der Rat das Tier mit Moroscher Möhrensuppe zu füttern. Bei ausbleibender Besserung könne man am nächsten Morgen immer noch zum Tierarzt. Der Hund starb knapp zwei Stunden später an einer Magendrehung.

Fall 2

Das Meerschweinchen wurde immer dünner, es ging sehr oft zum Napf und kaute lang und ausgiebig. Dennoch wurde es immer schlapper und verlor zusehends an Gewicht. Die Facebookgruppe wollte helfen und riet zur Eingabe von Tees, dem Ausleiten von Giften sowie einer reinen Heudiät. Als das Tier so entkräftet war, dass es nicht mal mehr zum Futtertrog kam, wurde ein Tierarzt aufgesucht. Der stellte u.a. eine massive Untertemperatur von 34 Grad, sowie eine hochgradige Abmagerung fest und konnte das Meerschweinchen bloß noch erlösen. Der Auslöser des Abmagerns war nämlich online nicht rauszufinden, da es dafür die eingehende Untersuchung durch einen fachkundigen Tiermediziner benötigt: eine sogenannte Brückenbildung der Backenzähne ließ das Tier langsam verhungern.

Fall 3

Eine Katze kommt von der Mäusejagd rein und kneift ihr rechtes Auge zu. Der Rat der Nachbarin: Euphrasia Augentropfen – frei verkäuflich. Schließlich bekommen Katzen ja öfter mal Stöcke o.ä. beim Durchstreifen der Gärten ins Auge. Da es nach einer Woche eher schlechter denn besser wurde und die Augenlider verklebt waren und sich ein Eiterpfropf am inneren Augenwinkel gebildet hatte, wurde endlich der Haustierarzt aufgesucht. Durch eine Augen-OP mithilfe eines Nickhautflaps konnte das Auge gerettet werden. Der Auslöser des anhaltenden Eiterns war ein tiefer infizierter Katzenkratzer auf der Hornhaut.

Na, habt ihr auch nach dem ersten Satz schon mit geraten, was die Ursache der Erkrankung ist? Wir Menschen raten von Natur aus gerne mit. Man darf aber niemals vergessen, dass es hier um Leben geht. Wer mit rät, muss sich darüber im Klaren sein, dass er eine nicht unerhebliche Mitschuld trägt wenn falsch geraten wurde.

Mein dringender Appell an alle Tierbesitzer

Mit diesen Zeilen möchte ich jedem verantwortungsbewussten Menschen zeigen, dass die Ferndiagnostik beim Tier, egal ob bloß per schriftlicher Korrespondenz oder gar in Videoformat, extrem unsicher ist und obendrein brandgefährlich werden kann. Somit kann ich abschließend nur noch an die Vernunft und das Gewissen appellieren sich nicht an derartigen Raterunden zu beteiligen. Dass zukünftig jeder versteht warum Online-Anfragen wie „Was könnte mein Tier mit folgenden Symptomen haben?“ oder „Muss ich zum Tierarzt wenn mein Tier x oder y zeigt?“ einfach nicht funktionieren, hoffe ich inständig.

Ähnliches gilt für Anfragen zu Online-Zweitmeinungen. Hier kann man als Tierarzt lediglich auf die Befunde der vorbehandelnden Kollegen zugreifen und sich kein eigenes Bild vom Zustand des Patienten machen. Daher verweise ich auch in diesen Fällen allein schon aus ethischer Sicht auf eine Zweitmeinung vor Ort – das ist das Beste fürs Tier.

In Deutschland haben wir den Luxus, dass man nachts oder an Wochenenden zu jeder Zeit einen notdiensthabenden Tierarzt in einem organisierten Notdienstring oder gar in einer vollausgestatteten Tierklinik erreicht. Auch wenn die Anfahrt manchmal etwas länger sein sollte, wird dort geholfen – mit viel Herz, allen Sinnen und entsprechender Erfahrung!

 


Sebastian Goßmann-JonigkeitTierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit ist seit 2012 praktizierender Tierarzt für Kleintiere in Engelskirchen bei Köln. Dort leitet er die Praxis gemeinsam mit seiner Frau. Sein Faible gilt der Zahnmedizin für Hunde und Katzen – daher fühlt er sich zwischen Dentalröntgen und Zahn-OP auch besonders wohl. In seiner Freizeit bloggt er auf Facebook und Instagram.


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