Wesenstest bei Hunden – wie zufällig ist er?

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Wesenstest bei Hunden

Der Wesenstest bei Hunden kann lebensentscheidend sein. Ob der weitere Weg sozial eingebunden in einer Familie, im Zwinger eines Tierheims oder sogar per Spritze endet, hängt immer wieder vom Ausgang eines Wesenstests ab. In Deutschland sind die Regeln, je nach Bundesland, verschieden. Hat ein Hund an einer Beißerei teilgenommen, so muss er meist zum Wesenstest. Es spielt keine Rolle, ob der Hund sich nur gegen einen angreifenden Hund gewehrt hatte – was nur seinem wohlverstandenen natürlichen Verhalten entsprechen würde. Vom Ergebnis solcher Tests hängt ab, ob sein zukünftiges Leben an Auflagen gebunden ist. Denkbar wäre etwa ein Maulkorb– oder Leinenzwang, die Pflicht zur Konsultation eines Hundetrainers oder ein Bußgeld für Herrchen oder Frauchen.

Wesenstest und Hundelisten

Seit der so genannten Kampfhundehysterie im Jahr 2000 wurden, wie in Hamburg geschehen, Hunde massenhaft eingeschläfert. Nur weil sie einer bestimmten Rasse zugeteilt wurden. Bei Wesenstests zeigten sie nicht das gewünschte Verhalten. Dabei gaben sich diejenigen Politikerinnen und Politiker als besonders scharf, die sich gegenüber den Haltern auffällig gewordener Hunde besonders nachsichtig zeigten und zeigen. Die nicht selten demonstrativ zu Schau getragene Härte gegenüber Hunden ist leider regelmäßig mit Oberflächlichkeit in der Sache verbunden. Welche fachliche Kompetenz steckt eigentlich hinter Hundelisten, Haltungsauflagen oder Wesenstests?

Die Geheimnisse der Rasselisten

Schauen wir zunächst einmal auf die Rasselisten, die es in praktisch allen Bundesländern und Kantonen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz gibt. Wir sehen einen bunt gemischten Haufen meist seltener Hunderassen. Mit dem „Germanischen Bärenhund“ hat es eine  „Hunderasse“ zu gesetzlicher Anerkennung geschafft, die von keiner Hundeorganisation Anerkennung fand. Die tatsächlich existierende Hunderasse, die mit großem Abstand die Statistik der Beißvorfälle anführt, taucht hingegen gar nicht auf.

Klar, der Deutsche Schäferhund ist auch die mit Abstand beliebteste Hunderasse. Aber mit welchen Argumenten taucht er hier nicht einmal auf, wogegen Hunderassen wie der Mastiff – um nur ein Beispiel zu nennen – bei dem nicht ein einziger Beißvorfall seit 1949 je amtlich registriert wurde – regelmäßig auftaucht? Ginge es nach der Häufigkeit registrierter Beißvorfälle, so müsste der Mischling in jeder dieser gesetzlichen Listen ganz vorne stehen.

Kompetenz gefragt

Um nicht missverstanden zu werden! Nach meiner Meinung sollte nicht eine einzige Hunderasse auf solchen Listen stehen. Welche Kommission von Fachleuten hat diese Listen erstellt, die Gesetzeskraft haben? Richtig, es gibt keine solchen Fach-Kommissionen. Wirkliche Fachleute, ja sogar ganze Doktorarbeiten, wie an der Tiermedizinischen Hochschule Hannover, haben dagegen immer wieder darauf hingewiesen, dass solche Kategorisierungen nach Rassen keine fachliche Begründung haben.

Keine einzige Hunderasse ist von Natur aus aggressiv, erst recht nicht Menschen gegenüber! Aber man kann jeden Hund aggressiv machen.

Nicht zuverlässiger als ein Münzwurf?

Bei den Wesenstests sieht es mit der fachlichen Kompetenz nicht viel besser aus. Dieses Problem war ein Schwerpunktthema der ersten nordamerikanischen Fachkonferenz zum Hund, an der ich teilnehmen und auch einen Vortrag halten konnte. Die „Canine Science Conference“ wurde von der Arizona State University in Tempe (Phoenix) organisiert.

Die Wesenstests in Tierheimen seien nicht zuverlässiger als ein Münzwurf, so titelt einer der etwa ein Dutzend Vorträge zum Thema. Janis Bradley, Direktorin des „National Canine Research Council“, hat mit ihrem Team die in US Tierheimen verwendeten Wesenstests umfassend angeschaut. Jedes einzelne Element der Tests wurde einer theoretischen und praktischen Prüfung unterzogen. Besonders die auch in Deutschland üblichen Methoden, Hunde zu aggressivem Verhalten zu provozieren etwa durch einen Knüppel, Anstarren, Feuer, aufklappenden Regenschirm etc. zeigten sich als völlig wertlos, ja irreführend. Auch die statistischen Ergebnisse aus der Praxis belegen die Wertlosigkeit der heutigen Testmethoden.

Fatale Folgen vermeintlicher Wesenstests

Dazu muss man wissen, dass in vielen US-Tierheimen die oft von einer auch in Deutschland aktiven „Tierschutzorganisation“ betrieben werden, mit solchen Tests Hunde als vermittelbar einteilen oder gleich euthanasieren. Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht fatal. Auf der einen Seite kommen vielleicht ungeeignete Hunde in eine Familie mit Kindern, auf der anderen werden mental und körperlich völlig gesunde Hunde eingeschläfert.

Das zeigt sich auch an den Rückgabequoten wie in verschiedenen Studien herausgearbeitet wurde. Der Psychologie-Professor und Hundekenner Clive Wynne, der sich mit psychologischen Testverfahren für Menschen bestens auskennt, bestätigte die Tücken heutiger Wesenstests – er nannte sie Pitfalls –  aus Sicht der Methodik. Den Wesenstests für Hunde fehle das wissenschaftliche Fundament. Es sei nirgends auch nur versucht worden, die Ergebnisse der Tests tatsächlich zu überprüfen und damit deren reale Zuverlässigkeit abzusichern. Wynne schlug vor, neue Testverfahren mit derselben wissenschaftlichen Gründlichkeit zu entwickeln wie sie bei Menschen längst üblich ist.

Fachausbildung Kynologie

Auch die in Deutschland üblichen Wesenstests für Hunde dürften einer fachlichen Überprüfung kaum standhalten. Zudem ist die Lage völlig unübersichtlich. Oft führen von den örtlichen Ordnungsämtern beauftragte tatsächliche oder vermeintliche Fachleute mit kaum vorzeigbarer Qualifikation solche Tests durch. Und woher sollte die „vorzeigbare Qualifikation“ auch kommen? Es gibt im deutschsprachigen Raum lediglich von Privatpersonen oder -organisationen angebotene Schulungen oder Ausbildungsgänge. Deren reale fachliche Kompetenz kann gut sein, unterliegt jedoch keinerlei wissenschaftlicher Kontrolle oder Transparenz – eben „like flipping a coin“. Lediglich die Veterinärmedizinische Universität Wien bietet hier einen staatlichen Ausbildungsgang zur „Angewandten Kynologie“ an. Kynologie meint die Lehre vom Hund. Nach vier Semestern wird der Titel „Akademisch geprüfte Kynologin/akademisch geprüfter Kynologe“ vergeben.

Hundeforschung in Deutschland wiederbeleben

Mit solchen hoffnungsvollen Ansätzen haben wir noch lange keinen fundierten Wesenstest. In Deutschland gibt es nicht einmal einen Lehrstuhl oder ein Universitätsinstitut zum Thema Kynologie oder Hundeforschung. Das zeitweilig in diesem Bereich führende Max-Plank-Institut in Leipzig hat seine Studien zum Verhalten des Hundes 2013 leider beendet. Dasselbe Schicksal ereilte schon früher die Hundeforschung an der Uni Kiel. Im Sinne des Tierschutzes wäre es sehr sinnvoll, unsere Kompetenz beim Thema Kynologie zu entwickeln und auszubauen. Ein Ziel wäre das bessere Verständnis des Verhaltens unserer Hunde. Und darauf basierend die Entwicklung zuverlässiger Testmethoden. So könnten Hunde aus den Tierheimen besser an die richtigen Plätze vermittelt und „auffällig“ gewordenen Hunden die zweifelhafte Diagnose per heutigem Wesenstest erspart werden. Das wäre angewandter Tierschutz. Unsere Hunde hätten etwas mehr Sorgfalt und Fürsorge allemal verdient.


Christoph JungChristoph Jung Seit seiner Kindheit gehören Hunde zu den besten Freunden des Hundeforschers. Die Beziehung Mensch – Hund ist für ihn ein faszinierendes Thema, das ihn täglich beschäftigt und für das er sich auch öffentlich engagiert. Aus seiner täglichen Forschung entstand das Buch „Tierisch beste Freunde“. Jung lebt mit seiner Familie und seinen Hunden in der Nähe von Halle.


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