Feinmotoriktraining für den Hund

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Feinmotoriktraining für den Hund

Hast du schon erlebt, dass dein Hund plötzlich im Vorbeilaufen mit seinen Beinen gegen das Tischbein oder den Sessel stößt, obwohl Tisch und Sessel seit gefühlten Ewigkeiten am selben Platz stehen und nicht einen Millimeter verrückt wurden? Oder ist dein Hund sowieso ein kleiner „Tollpatsch“ und rempelt ständig irgendwo an? Egal, ob dein Hund aus Gewohnheit auf „Autopilot“ geschaltet und dabei geschludert hat oder ob der arme Kerl von Geburt an eher in die Kategorie „GROMO“ (Grobmotoriker) fällt: Mit abwechslungs-reichen Übungen kann jeder Hund seine Konzentrationsfähigkeit und Motorik verfeinern. Das schont Möbel, Nerven und vor allem und am wichtigsten die Hunde-Knochen.

Feinmotoriktraining für den Hund ohne viel Ausrüstung

Du brauchst dazu keine großartige Ausrüstung oder gar einen besonderen Platz. Wenn du mit deinem Hund ohnehin trainierst, bspw. Agility, kannst du Feinmotorik-Übungen einbauen. Aber auch auf der Wiese im Garten oder im Wohnzimmer könnt ihr euch vergnügen und mit ein paar Haushaltsgegenständen bist du bestens ausgestattet.

Lässt du deinen Hund im Training springen? Stelle einfach jede einzelne Hürde auf eine andere Höhe ein. Schon muss dein Hund für jeden Sprung neu seine „Flugbahn“ berechnen. Das trainiert Körper und Geist. Die Hürden kannst Du je nach Bedarf ganz einfach und flexibel aus Besenstielen und Blumentöpfen „frei nach Schnauze“ zusammensetzen, wenn du kein Geld für die Anschaffung ausgeben willst oder kannst.

Mikado spielen

Du kannst auch mit deinem Hund Mikado spielen: Nimm acht bis zehn Stangen – Bambusstäbe sind toll oder Slalomstäbe aus dem Agility-Training, Besen und Schrubber tun es aber auch – und verteile sie so über den Boden, dass die Enden teilweise übereinander liegen, aber dazwischen Flächen frei bleiben. Dann führst du deinen Hund über diesen Parcours. Dabei soll er nur in die Freiflächen treten und nicht die Stangen berühren. Lobe ihn stark, wenn es gelingt und brich den Parcours ab, wenn er die Stangen berührt. Dann fangt ihr von vorn an.

Je nach Erfahrung und Geschick deines Hundes kannst du den Schwierigkeitsgrad anpassen. Je besser dein Hund seine Vorder- und Hinterläufe zu kontrollieren gelernt hat, desto enger kannst du die Stangen legen. Falls dein Hund fit ist und du aber eher „faul“ bist, kannst du dir große Aufbauten sparen und eine gewöhnliche Leiter auf den Boden legen. Dein Hund soll nur zwischen die Sprossen treten. Für einen noch ungeübten oder gegen Trainingsende schon eher ausgepowerten Hund sind die relativ kleinen Felder einer Leiter aber möglicherweise eine zu große Herausforderung. Ihr wollt ja beide nicht unnötig frustriert nach Hause gehen.

Deswegen solltest du dich auch selbst beobachten: Schaffst du es, konzentriert mit positiver Grundstimmung und Geduld die Übung anzugehen? Bestenfalls hilft dir das Training durch die Fokussierung auf den Hund ja sogar, abzuschalten und Alltagssorgen auszublenden. Ist das aber nicht der Fall und schweifen deine eigenen Gedanken ständig ab, zwinge weder dich noch den Hund. Wähle eine einfache Übung, damit ihr mit einem Erfolgserlebnis das Training abschließt. Die neuen oder schwierigeren Sachen übst du mit deinem Hund ein anderes Mal, wenn die Voraussetzungen besser sind.

Königsdisziplin beim Feinmotoriktraining für den Hund

Wenn ihr aber beide zur selben Zeit hoch motiviert und hoch konzentriert seid, kannst du dich mit deinem Hund an die Königsdisziplin wagen und ihm beibringen, jede Pfote einzeln auf Signal zu setzen. Das ist anstrengend und herausfordernd, macht aber Spaß. Und hat praktischen Nutzen: Wenn dein Hund sich mal samt Schleppleine um den Baum gewickelt hat, kannst du ihn per Signal „dirigieren“. Dein Hund wird sich selbst befreien können. Du siehst, die Mühe lohnt sich. Wenn du konsequent und schrittweise vorgehst, werdet ihr Erfolg haben.

Halte einen Clicker bereit. Als Trainingshaltung solltest du parallel neben deinem Hund stehen, damit ihr aus derselben Perspektive übt und „rechts“ auch für beide „rechts“ bedeutet. Es geht los mit der Benennung der Pfoten: Vorne rechts, vorne links, hinten rechts und hinten links. Falls du diese Bezeichnung schon für Richtungsübungen nutzt, musst du jedoch unbedingt andere auswählen. Verwende keine Signale doppelt! Das verwirrt den Hund und funktioniert nicht.

Dann konzentrierst du dich auf eine Pfote und clickst (der Clicker muss natürlich zuvor antrainiert worden sein!), wenn der Hund diese anhebt.

Als nächstes bestimmst du die Bewegungsrichtung: Nach vorn oder nach hinten. Immer nur jeweils eine Richtung üben und clicken, damit sich die Bewegung festigen kann. „Sitzt“ die Übung, führe das entsprechende Verhaltenssignal ein. Sind Signal, Pfote und Bewegung sicher bei deinem Hund verknüpft, trainierst du in gleicher Weise nacheinander die anderen Pfoten.

Vielfältige Möglichkeiten

„Läuft“ die Übung sozusagen auf allen vier Pfoten, kannst du deinen Hund auf dein Signal hin gezielt einzelne Schritte ausführen lassen. Damit stehen dir viele Möglichkeiten auch außerhalb der Trainingszeiten offen. Du kannst dich darauf beschränken, nur „sinnvollen“ Gebrauch von den neugewonnen Fähigkeiten zu machen. Also dann, wenn es Leinen-Knoten zu entwirren oder Pfützen zu umgehen gilt. Du kannst deinen Hund aber auch auf Oma Ernas Geburtstag als Showeinlage mal ein Tango-Argentino-Solo tanzen lassen. Dann solltest du aber sicher sein, dass dein Hund sich so sicher fühlt und die Signale und seine Schritte so beherrscht, dass er auch in ungewohntem Umfeld konzentriert bleibt. Grundsätzlich ist es aber von Vorteil, wenn die Übungen losgelöst von der Trainingssituation selbstverständlicher Bestandteil des Alltags werden. Dein Hund wird von Routine verschont und führt Alltagsbewegungen bewusster und konzentrierter aus. Wahrscheinlich wird er dann den „Auftritt“ bei Oma Erna weniger als Show empfinden als du, weil er sich daran gewöhnt hat, auch außerhalb einer speziellen Übungsumgebung und zu jedem Zeitpunkt auf deine Signale zu achten und darauf konzentriert wie gewünscht zu reagieren.

Feinmotoriktraining für den Hund und den Halter

Konsequentes Feinmotoriktraining für den Hund hat einen weiteren Vorteil für dich selbst: Du lernst deinen Hund und seine Bewegungsabläufe intensiver kennen. Gerade, wenn du viel Sport mit deinem Hund machst, ist es wichtig, regelmäßig sein Gangbild zu kontrollieren. Wenn du die Gelegenheit hast, filme deinen Hund in Bewegung mit einer Videokamera und sieh dir den Film genau an. Du erkennst dann, ob sich Bewegungsabläufe verändert haben. Das kann auf Veränderungen des Bewegungsapparates hindeuten. Diese wiederum können Zeichen einer Überanstrengung sein, es kann eine Krankheit oder Verletzung die Ursache sein oder es hat sich beim Training ein falscher Bewegungsablauf „eingeschlichen“. Wichtig ist jedenfalls, dass du geschult durch euer Training solche Veränderungen früher wahrnimmst und daher früher eingreifen und nach der Ursache suchen kannst. Dementsprechend kannst du das Problem früher beseitigen.

Und nicht zuletzt: Es macht einfach Spaß, sich intensiv miteinander zu beschäftigen und aufeinander einzulassen. Dein Hund freut sich, wenn er deine ungeteilte Aufmerksamkeit und Zeit bekommt. Du freust dich, die Fortschritte deines Hundes zu sehen. So werdet ihr ein noch engeres Mensch-Hund-Team.


KristinaKristina Ziemer-Falke ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin durch die Tierärztekammer Schleswig-Holstein und das Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Darüber hinaus verfügt sie über viele Zusatzausbildungen und Schwerpunkte und ist im Prüfungsausschuss der Tierärztekammer Niedersachsen für die Hundetrainerzertifizierungen.
Mit ihrem Mann Jörg Ziemer gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, in dem sie seit vielen Jahren mit viel Herz, Leidenschaft und Kompetenz Hundetrainer in ganz Deutschland ausbilden und viele Weiterbildungsangebote anbieten. Viele kennen Kristina außerdem als erfolgreiche Autorin von Fachbüchern für Hundetrainer und Hundehalter sowie aus Artikeln beliebter Hundezeitschriften.


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