Coronaviren bei Katzen: wie gefährlich sind sie?

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Coronaviren bei Katzen

Die Falschmeldungen zur Übertragung von Coronaviren zwischen Mensch und Tier halten sich hartnäckig. Wenn Du auch verunsichert oder besorgt bist, kommt hier der Klartext. Tierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit erklärt, wie gefährlich Coronaviren bei Katzen wirklich sind.

Übertragung von Coronaviren

Coronaviren gibt es schon seit langer Zeit und in der Regel sind sie wirtsspezifisch. Das bedeutet, dass sie in der Regel nur eine Spezies befallen und nicht auf andere Tierarten übertragen werden können – das schließt auch den Menschen ein.

Übertragung von Mensch zu Tier

Diverse Nachrichtenportale stürzen sich zur Zeit auf Meldungen, dass das Virus bei zwei Hunden und einer Katze in China sowie ebenfalls einer Katze in Belgien nachgewiesen wurde. Die Tiere in Hongkong waren laut der vorhandenen Quellen symptomfrei, die Katze in Belgien soll hingegen vorübergehend Magen-Darm- und Atemwegsprobleme gehabt haben. Der Zusammenhang ist in diesem Fall ungeklärt. Das Tier erholt sich aber derzeit wieder.

Diese Meldungen sind natürlich absolut kein Grund sein Tier im Tierheim abzugeben oder mit dem Tier beim Tierarzt vorstellig zu werden. 

Nach aktueller Studienlage der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München können sich Hunde und Katzen zwar in Ausnahmefällen mit SARS-CoV-2 infizieren, erkranken aber kaum bis gar nicht und spielen aus epidemiologischer Sicht nur eine absolut untergeordnete Rolle bei der Übertragung auf Menschen. Als positiv auf SARS-CoV-2 getesteter Tierhalter sollte man jedoch den direkten Kontakt zu seinem Haustier möglichst meiden bis man wieder als geheilt gilt. Nach Möglichkeit sollte die Versorgung des Tieres von einer nicht-infizierten Person, die nicht zu einer Risikogruppe gehört, während dieser Zeit übernommen werden.

Übertragung von Mensch zu Mensch

Was jedoch unbestritten bleibt, ist die Übertragung von Mensch zu Mensch. Daher sollte man es sich, sofern möglich, mit seinem Tier (egal ob Hund oder Katze) zu Hause gemütlich machen und in der aktuell anhaltenden Situation den Umgang mit anderen Menschen auf ein absolutes Minimum reduzieren.

Feline Coronaviren bei Katzen

Seit Jahrzehnten ist jedoch sicher, dass Katzen wirklich an einer ganz speziellen Form von (Felinen) Coronaviren leiden können. In Privathaushalten können bis zu 30% betroffen sein. Durch die teilweise überfüllten Katzenstationen mancher Tierheime können dort mitunter 70 oder sogar 80% der Tiere infiziert sein. Dieses Virus ist nicht auf anderen Tierarten oder Menschen übertragbar. Ganz im Gegensatz zur SARS-CoV-2-Infektion beim Menschen, führt das Feline Coronavirus bei Katzen allerdings nur selten zu milden Durchfällen. Fast immer verläuft es ohne jedwede Symptome.

Zur tödlichen Gefahr für Katzen wird das Feline Coronavirus hingegen erst wenn es mutiert – dies kann, muss aber nicht geschehen. So können Katzen beispielsweise jahrelang einen positiven Coronatiter (Antikörper als Beweis für eine aktive Infektion mit Coronaviren) aufweisen ohne dass es zur Mutation kommt. Das bedeutet auch, dass per Blutuntersuchung nicht zwischen der ‚harmlosen‘ Normalform und einer gefährlichen Mutation unterschieden werden kann.

Feline Infektiöse Peritonitis – kurz FIP

Mutierte Feline Coronaviren werden umgangssprachlich auch FIP-Viren genannt – weil sie die Feline Infektiöse Peritonitis (FIP) auslösen. Man unterscheidet zwei Formen:

Trockene Form

Sie ist eher seltener anzutreffen. Hier treten große Entzündungsreaktionen in multiplen Organen auf

Feuchte Form

Sie kommt bedeutend häufiger vor. Dabei handelt es sich um eine Entzündung von Blutgefäßen, sowie Bauch- und/oder Brustfell, die zu einem anhaltenden Austritt von Flüssigkeit in die großen Körperhöhlen (Bauchhöhle und Brustkorb) führt. Dadurch entwickelt sich entweder das klassische Bild des sogenannten birnenförmigen Körpers (spitzer Rücken und darunter ein überpraller Bauch) oder eine anhaltende Atemnot durch Flüssigkeitseinlauf in den Brustkorb.

Beide Formen werden darüber hinaus von therapieresistenten Fieberschüben begleitet. Die Patienten werden oftmals wegen anhaltender Inappetenz vorgestellt. Beide Formen führen nach Mutation im Schnitt binnen weniger Wochen zum Tode. Eine eindeutige Feststellung der FIP-Mutation ist nur in abpunktierter Flüssigkeit (feuchte Form) oder entnommenem Bauchgewebe (trockener Form) möglich.
Wichtig: Ein positiver Corona-Titer im Bluttest bedeutet nicht direkt FIP.

Impfstoff gegen FIP

Bislang gab es einen Impfstoff, der mit einer kleinen Pipette in die Nase des Patienten getropft wurde, um so eine spezielle Fraktion der Antikörper zu stimulieren. Die Wirksamkeit dieses Impfstoffs ist jedoch in mehreren Studien sehr stark umstritten.

Eine Therapie war bislang legal nicht möglich. Dies soll sich jedoch in den kommenden Jahren ändern. Seit einigen Monaten existiert der experimentelle Wirkstoff [GS441524], der eigentlich abgewandelt gegen Viruserkrankungen bei Menschen eingesetzt werden sollte, aber anscheinend gut gegen FIP-Viren hilft. Er ist in Deutschland nicht zugelassen und darf daher zur Zeit noch nicht von Tierärzten verwendet werden. Bei Zuwiderhandlung droht ein Entzug der Approbation.

Selbstmedikation – hilfreich oder gefährlich?

Anders als bei Tierärzten, ist es nicht illegal, wenn der Tierbesitzer das Medikament privat anwendet*. Daher besorgen sich einige verzweifelte Tierhalter den Wirkstoff selbst und spritzen es auch ihrem Tier – 3 Monate lang, 1 Spritze täglich. Die Verabreichung solcher Medikamente sollte zum Schutz des Tieres allerdings dringend unter tiermedizinscher Kontrolle durch den Haustierarzt überwacht werden. Dazu dienen neben Ultraschall- und Röntgenkontrollen in der Regel Blutuntersuchungen, die mögliche unerwünschte Nebenwirkungen im Blutbild frühzeitig aufzeigen sollen. Katzen sind Meister im Verstecken von Symptomen und haben sie oft lange, bevor sie dem Tierhalter am Tier auffallen.

Die tatsächliche Anzahl der auf diese Weise geheilten Tiere ist nicht wissenschaftlich belegt. Ebenso wenig belegt ist, bei wie vielen von diesen Tieren zuvor zuverlässig eine Mutation nachgewiesen wurde.

Du hast schon Erfahrungen gesammelt oder hast Fragen? Schreib uns in die Kommentare – wir freuen uns auf Feedback.

Bleib gesund und pass auf Dich und Deine Lieben (mit und ohne Fell) auf!

Wer sich zum Thema FIP intensiver austauschen möchte, findet unter anderem auch Facebook-Gruppen mit Gleichgesinnten, wie zum Beispiel Fipfree.

*Quelle: Prof. Hartmann von der LMU München


Sebastian Goßmann-JonigkeitTierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit ist seit 2012 praktizierender Tierarzt für Kleintiere in Engelskirchen bei Köln. Dort leitet er die Praxis gemeinsam mit seiner Frau. Sein Faible gilt der Zahnmedizin für Hunde und Katzen – daher fühlt er sich zwischen Dentalröntgen und Zahn-OP auch besonders wohl. In seiner Freizeit bloggt er auf Facebook und Instagram.


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Kommentare, Fragen und Antworten
  1. Janette sagt:

    Hi, wir haben schon Erfahrung mit der Behandlung gesammelt. Für unseren Kater, jetzt 9 Monate alt, wurde die Diagnose durch PCR-Untersuchung des Punktates aus dem Brusthöhlenerguss Ende Februar gestellt. Es folgten 12 Wochen sehr nervenaufreibende Behandlung. Nach einem fantastischen Blutbild gegen Ende der Behandlung befinden wir uns jetzt in der dritten Woche der Beobachtungsphase „nach GS“. Das besondere an seinem Fall ist, dass Findus Ataxist ist, was Einfluss auf die Behandlungsdosis hatte und immernoch auf die Beurteilung seines Zustandes, weil immer wieder die Frage besteht: wackelt er heute mehr oder weniger? Hat er einen schlechteren Tag oder ist besonders nervös oder ausgelassen, oder meldet sich hier die FIP zurück? Hoffentlich nicht! Wir hoffen von Herzen, dass die Studien von Prof. Hartmann (und vllt auch diejenigen von anderen über Covid-19) bald möglichst eine kontrolliertere Behandlung der Fellnasen ermöglichen. Danke auch an Sie für das Statement zum status quo. Ich glaube fest daran, dass jeder noch so kleine Baustein auf dem Weg hin zu einer zugelassenen Behandlung hilft. Bleiben Sie gesund! Janette mit Findus

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