Aggression bei Katzen: von 0 auf 100

Katzen gelten oft als widersprüchliche Wesen, deren Stimmung schwer zu lesen sei und schnell umschlagen könne. Vermeintlich ohne Vorwarnung wechseln sie von der schnurrenden Samtpfote zum kratzbürstigen Minitiger und hinterlassen bei den betroffenen Haltern ein Fragezeichen – und manchmal tiefe Kratzer. Was steckt hinter der Aggression bei Katzen? Warum lässt sich die Katze erst streicheln, wenn sie im nächsten Moment aggressiv reagiert? 

Bei allen Wesensveränderungen – Ab zum Tierarzt!

Zeigt deine Katze plötzlich eine Wesensveränderung, solltest du bei deinem Tierarzt eine gesundheitliche Ursache hinter diesem Verhalten abklären. Schmerzen, Unwohlsein und einige Stoffwechselstörungen können das Nervenkostüm so belasten, dass es deine Katze in Aggressivität oder einem anderen Problemverhalten äußert. Eine tierärztliche Untersuchung sollte daher als Erstes von dir angestrebt werden.
Ebenso sinnvoll kann der Kontakt zu einem Verhaltensberater in deiner Nähe sein, die dir hilft, die Ursache für das Verhalten deiner Katze herauszufinden und mit dir gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Eine Katze ist niemals grundlos aggressiv – nicht selten stehen sogar Angst und/oder Überforderung hinter dem Verhalten.

Eben noch geschnurrt und dann folgen Krallen – Was bedeutet das?

Verhältnismäßig häufig und meist relativ moderat ausfallende Aggression bei Katzen kommen im Zusammenhang mit einem – aus Katzensicht – nicht (mehr) erwünschten Streicheln vor. Deine Katze liegt gemütlich neben dir, lässt sich schnurrend streicheln – und ZACK – schlägt sie ihre Krallen in deine Hand. Was dir zunächst wie aus heiterem Himmel kommend erscheint, hatte deine Katze wahrscheinlich zuvor angekündigt – wenn auch vielleicht nur kurz. Achte beim Streicheln auf erste Abwehrzeichen– ein Schlagen mit der Schwanzspitze oder dem ganzen Schwanz, ein kurzes Zucken mit den Ohren oder auch eine leichte Gewichtsverlagerung von dir weg zeigen, dass dein Minitiger zwar noch bei dir liegen, aber nicht mehr von dir gestreichelt werden möchte. Hat das Tier gelernt, dass du auf diese Bitte nicht reagierst, fällt die Warnung manchmal sehr kurz aus, und sie wechselt blitzschnell zwischen entspannter Katze zu erbostem Irrwisch. In diesem Fall ist es hilfreich, die Katze nur ein oder zwei Mal zu streicheln und dann zunächst zu pausieren, um zu schauen, inwiefern sie mit einem kurzen „Mau“, dem Schmiegen ihres Köpfchens in deine Hand oder einer anderen Annäherung signalisiert, dass sie weiterhin gestreichelt werden möchte. Achte genau auf die beschriebenen Abwehrsignale und respektiere die Grenze deiner Katze sofort, wenn du sie wahrnimmst. So könnt ihr euch langsam wieder an ein entspanntes Kuscheln herantasten.

Umgeleitete Aggression bei Katzen

Manchmal führt ein Missverständnis zwischen dir und deiner Katze zu einer sehr heftigen Reaktion der Samtpfote. Sie erschrickt sich bei einem Knall, tut sich bei einem Sturz weh oder du trittst ihr aus Versehen auf den Schwanz. Deine Katze gerät völlig aus dem Häuschen und stürzt sich auf das nächstgelegene Ziel – zum Beispiel dein Bein – mit Krallen, Beißen und lautem Kreischen. Die sogenannte „umgeleitete Aggression“ kann sowohl dich als nahe stehenden Menschen, als auch eine andere Katze treffen. Die Katze verbindet den plötzlichen Schreck oder Schmerz mit dem direkt erreichbaren Ziel und zeigt eine mitunter heftige Aggressivität, die für dich und andere Beteiligte sehr verstörend wirken kann.

Was tun bei Aggression bei Katzen?

Das Wichtigste und gleichzeitig Schwerste, dass du nun tun solltest ist, Ruhe zu bewahren. Atme tief durch und mache dir bewusst, dass deine Katze in diesem Moment ebenso durcheinander und schockiert ist wie du. Ist das Tier noch in deiner Nähe, droht dich vielleicht sogar knurrend an, bewege dich langsam von ihr weg, ohne der Katze deinen Rücken zuzuwenden. Treffen sich eure Blicke, blinzle langsam, um zu zeigen, dass du ihr weiterhin freundlich gesonnen bist und sie wieder entspannen kann. Entferne dich langsam aus dem Zimmer, schließe möglichst die Türe hinter dir und lass sie zunächst zur Ruhe kommen. Je nachdem wie aufregend der Vorfall war, kann es einige Stunden dauern bis deine Katze wieder entspannen und einen ersten vorsichtigen Kontakt zulassen kann. Warte lieber ein wenig länger, um sicher zu sein, dass sie den ersten Schreck gut verdaut hat. Je entspannter ihr euch begegnen könnt, desto besser stehen eure Chancen, dass ihr das Erlebte schnell wieder zu den Akten legen könnt.

Sprich ruhig mit deiner Katze, geh mit einer besonderen Leckerei oder vielleicht ihrer Lieblingsbürste langsam auf sie zu und prüfe, ob sie entspannt bleiben kann. Ein wenig Zurückhaltung von ihrer Seite ist völlig normal. Sollte sie jedoch fauchen, knurren oder andere Abwehrzeichen zeigen, stell ihr in größerem Abstand einen leckeren Happen hin und entferne dich wieder. Sie ist offenbar noch nicht bereit für einen neuen Kontakt. Wie genau es nach einem solchen Vorfall für euch weitergehen kann, ist nicht leicht zu beantworten. War eure Beziehung zuvor sehr innig und entspannt, kann der Schrecken mit ein wenig Einfühlungsvermögen schnell vergessen sein. Lebst du mit einer allgemein ängstlichen Katze zusammen, kann euer Vertrauensverhältnis zunächst beschädigt sein und etwas Zeit benötigen, um wieder hergestellt zu werden.

Ursachen für die Aggression bei Katzen abklären

Zeigt sich deine Katze neben diesen beiden beschriebenen Aggressionsformen häufiger von ihrer kratzbürstigen Seite, gilt es ebenso zu hinterfragen, welche Ursachen dem zu Grunde liegen und auf welcher Ebene das Tier deine Unterstützung benötigt. Lauert sie deinen bevorzugt nackten Beinen auf, um sie blitzschnell aus einem Hinterhalt heraus zu attackieren, handelt es sich möglicherweise um eine Spielaggression – deine Katze sieht deine Beine also also Beute und jagt sie. Brummt sie dich in Engstellen wie dem Flur an, könnte es sein, dass du ihr dort mal zu nah gekommen bist und ihr damit Angst gemacht hast. Sie versucht also, dich auf Abstand zu halten.

Zögere nicht, dir professionelle Unterstützung zu suchen. Eine dich anknurrende, schreiende oder sogar körperlich angreifende Katze macht erst einmal Angst und unsicher. Das ist absolut verständlich. Ein geschulter Blick von Außen kann euch beiden helfen, wieder Vertrauen zueinander aufzubauen – denn häufig stehen hinter einem Aggressionsverhalten unbewusste Grenzüberschreitungen des Menschen oder eine Angststörung deiner Katze.


Carmen Schell, Inhaberin von Cattalk®, ist als ausgebildete Tierpsychologin (ATN) mit dem Fachgebiet Katze im Rhein-Main-Gebiet, überwiegend rund um Darmstadt und Frankfurt sowie im Online-Coaching tätig. Sie bietet professionelle Unterstützung bei allen Fragen zu der Haltung und Problemverhalten von Samtpfoten. Neben der persönlichen Beratung gibt sie regelmäßig Vorträge und bundesweite Seminare für interessierte Laien und Profis. Ihr Herz hat die Autorin besonders an Katzen aus dem Tierschutz verloren und engagiert sich ehrenamtlich im regionalen Tierschutz.