Energiemangelsyndrom (EMS) der Koi

Das Energiemangelsyndrom der Koi ist kein einheitliches Krankheitsbild, sondern es geht mit einer ganzen Reihe von verschiedenen Symptomen einher. Die Ursachen sind ebenso vielfältig, haben jedoch alle stets negative Auswirkungen auf den Energiehaushalt des Fisches. Wenn Mediziner eine Krankheit als „Syndrom“ bezeichnen, dann hat die Erkrankung nicht nur eine Ursache, sondern häufig sind viele verschiedene Faktoren daran beteiligt. Meist sind nicht alle bekannt oder es müssen nicht alle zwingend zur Erkrankung führen.

Energiehaushalt der Fische

Wechselwarme Lebewesen haben einen anderen Energiebedarf als Warmblüter. In vielerlei Hinsicht sind Fische „Energiesparmodelle“, da sie ihren Körper nicht heizen.
Die beiden energieaufwändigsten Lebensprozesse bei Fischen sind die Atmung und Aufrechterhaltung eines konstanten Salzgehaltes in den Körperzellen. Bei beiden Lebensvorgängen spielen die Kiemen eine Hauptrolle.

Energie für Atmung

Atmung bedeutet Sauerstoffaufnahme und Abgabe von Kohlenstoffdioxid. Die Fischkiemen haben sich an das sauerstoffarme Milieu im Wasser optimal angepasst. Sie nutzen den im Wasser vorhandenen Sauerstoff sehr gut aus. Das auszuatmende Kohlendioxid wird sehr leicht an die Umgebung Wasser abgegeben. Die Zirkulation des Blutes durch den Körper und durch die Kiemen verbraucht dabei die meiste Energie.

Energie für den Salzhaushalt

Das Aufrechterhalten einer normalen Salzkonzentration in den Körperzellen ist bei Süßwasserfischen ein komplizierter Vorgang. Der osmotische Druck der Umwelt Wasser führt dazu, dass ständig Wasser in den Körper einströmt. Gleichzeitig verlieren die Zellen Salze an das Süßwasser. Um dies zu verhindern und ein konstantes Zellmilieu aufrechtzuerhalten, sind Süßwasserfische sogenannte Ionen- und Osmoregulierer. Diese Regulation verbraucht ebenfalls viel Energie.

Anderer Energiebedarf

Energie wir auch verbraucht für Verdauung, Ausscheidung und Fortpflanzung. Koi müssen für die Anpassung des Stoffwechsels an Erwärmung und Abkühlung Energie aufwenden. Der Ausgleich starker Temperaturschwankungen kann mehr als 50% des Energievorrates kosten. Das kann dann trotz guter Futteraufnahme zum Energiemangelsyndrom und sogar zum Tod führen. Auch zu schnelle Erwärmung in flachen Koiteichen kann also die Stoffwechselanpassungsfähigkeit der Fische überfordern.

Energiespeicher

In Form von Fettgewebe wird Energie gewissermaßen gespeichert. Sinkt der Körperfettgehalt unter 1%, kommt es zum Tod. Dieser Verlust an Energiereserven geht jedoch nicht zwingend mit einer von außen sichtbaren Abmagerung einher. Ebenso kontraproduktiv sind allzu große Fettreserven: Zu fette Fische können Energie in kaltem Wasser schlechter mobilisieren. Daher erkranken sie schneller am EMS.

Wissenswertes über Futterkomponeten

Koi können Kohlenhydrate gut verdauen und verwerten. Dies gilt auch für sehr niedrige Wassertemperaturen unter 8°C. Ein frisches Wheatgerm-Futter mit geringem Protein- und Fettgehalt und hohen Vitamingehalten ist für Wassertemperaturen unter 10°C genau richtig.

Die Verdauung von Fetten erfordert einen hohen Energieeinsatz und kann im kalten Teich, besonders wenn die Sauerstoffwerte nicht optimal sind, sogar mehr Energie kosten, als sie dem Körper liefert. Im Frühling und Herbst kannst du die Bildung der Fettreserven mit aufgefettetem Futter unterstützen. Der Fettgehalt des Futters muss insgesamt nicht über 8-10% liegen.

Proteine sind zwar hinsichtlich der Verdauung und Aufnahme in den Körper nicht so energieaufwändig wie Öle und Fette, sie sollten jedoch hauptsächlich für die Bildung von Muskulatur verwendet werden. Da Fische im Winter nur sehr langsam wachsen, ist es sinnlos, in der kalten Jahreszeit hohe Proteingehalte über 40% zu füttern.

Symptome der Erkrankung EMS

Ein Verdacht auf das Vorliegen des Energiemangelsyndroms (EMS) kann aufkommen, wenn einer oder mehrere Koi im Teich auf der Seite liegen und so aussehen, als wären sie schon tot. Sie können aber wegschwimmen, sobald man sie berührt. Die Schwimmbewegungen sind zunächst normal, dann gehen sie jedoch über in eine Dreh- oder Trudelbewegung und der Koi legt sich wieder am Boden auf die Seite.
Manche Koi sind deutlich aufgequollen, haben abstehende Schuppen und Glotzaugen. Andere liegen plötzlich und ohne Vorwarnung tot im Teich.

Gefährdete Teiche

Häufig ist das EMS zu beobachten in unbeheizten Teichen, deren Oberfläche vollständig gefriert oder in denen die Koi wegen ständiger Störungen nicht zur Ruhe kommen. Im Temperaturbereich von 8-12°C tritt das EMS mitunter auf, wenn die Koi monatelang ohne Futter ihre Bahnen ziehen. Schlechte Wasserqualität (insbesondere niedriger pH-Wert und schlechte Pufferkapazität [KH unter 3° dH]) steigern das Risiko von EMS ebenfalls.
Auch starke Temperaturschwankungen in flachen Teichen machen Koi anfällig für den Mangel an Energie am Ende des Winters und im Frühling.
Zu dicht abgedeckte Teiche haben einen schlechten Gasaustausch, der gravierende Auswirkungen auf die Atmung und den Energiehaushalt haben kann.

Ursachenforschung

Die Ursache für den Energiemangel ist stets ein übermäßiger Verbrauch von Energie zur Aufrechterhaltung der Atmung und Osmoregulation.

Was tun, wenn ein Koi EMS-Symptome zeigt?

Kochsalz (NaCl) ist ein wichtiges Heilmittel für Koi mit Energiemangel. Es erleichtert die Regulation des Salzgehaltes in den Körperzellen und entlastet so den Energiehaushalt nennenswert. Bringe den Koi zur Behandlung in eine Innenhälterung. Dort wird die Wassertemperatur langsam angehoben. Zu schnelle Erwärmung kann den Tod des Fisches bedeuten! Zunächst solltest du die Temperatur nicht über 12° C anheben, nach einer Woche sind bis zu 16° C möglich. Ist die Erkrankung noch im Anfangsstadium, wird der Koi schon bei 2° C höherer Wassertemperatur nach wenigen Stunden deutlich munterer erscheinen.
In das Behandlungsbecken (min. 350 Liter Fassungsvolumen für einen 40cm-Koi) wird jodfreies Kochsalz in einer Dosis von 5g/l eingestreut, aber nicht aufgelöst. Eine Belüftungspumpe muss installiert sein, wer die Möglichkeit hat, hängt auch einen Filter an.
Nun musst du die Wasserqualität durch tägliche Teilwasserwechsel aufrechterhalten. Wenn 50% Wasser ausgetauscht werden, dann musst du auch die Hälfte der ursprünglichen Salzmenge nach dosieren.
Suche unbedingt den Rat eines Fischtierarztes, wenn es dem Koi nach 1-3 Tagen nicht besser geht!

 


Dr. med. vet. Sandra Lechleiter ist seit über 20 Jahren als Fachtierärztin für Fische mit der Haltung von Zierfischen aller Art und ihren Erkrankungen beschäftigt. Der Beginn war eine Stelle im Fischgesundheitsdienst  mit  Schwerpunkt  „Speisefische“. Der Wunsch, das Wissen über die Pflege und Gesunderhaltung von Zierfischen bei den Fischhaltern zu verbessern, stammt sicher aus dieser Zeit.
Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt in der Fischtierarztpraxis ist daher die Fortbildung und Weiterbildung von Zierfischhändlern, Privathaltern und Tierärzten. Daher sind viele Artikel in Fach- und Hobbyzeitschriften und mittlerweile fünf Bücher, eine Koikrankheiten App und ein Online-Lexikon der Koimedizin erschienen. Etwa 50 Webinare und mittlerweile vier Vetinare sind eine gute Ergänzung dieser Tätigkeit.