Das geheime Leben der Katzen: Biologin Sabrina Streif im Interview

Im Rahmen eines Forschungsprojekts hat sich Diplom-Biologin Sabrina Streif mit dem „geheimen Leben“ der Katzen beschäftigt. Sie wollte wissen, was die Samtpfoten machen, wenn sie alleine auf der Pirsch sind. Mithilfe Breisacher Katzenbesitzer fand sie es heraus, denn auch sie hatten Interesse daran zu erfahren, was ihre Katzen den ganzen Tag treiben. Deswegen wurde im ersten Schritt jeder Katze für zwei Wochen ein GPS-Datenlogger angelegt, der minutengenau den Laufweg einer Katze aufzeichnet. Im zweiten Schritt wurden ausgewählte Katzen zusätzlich mit einer Spezialkamera ausgestattet, um genau sehen zu können, was die Katzen unternommen haben. Im Interview erzählt uns Sabrina mehr über das spannende Experiment und seine teils wirklich überraschenden Ergebnisse.

ZooRoyal: Wie kamst du auf die Idee, ein solches Experiment durchzuführen?

Sabrina: Die Idee zu dem Projekt kam nicht von mir oder meinem Institut, sondern von einer Fernsehproduktionsfirma aus Berlin. Sie waren auf der Suche nach jemandem, der sich mit Katzen auskennt und Interesse hatte, eine kleine Studie über Hauskatzen zu entwickeln und durchzuführen und sich dabei filmen zu lassen. Ideengeber war der englische Fernsehsender BBC, der so einen Film bereits in England mit einem sehr populären Katzenforscher gedreht hatte.

Da ich mich in meiner beruflichen Tätigkeit normalerweise mit der Europäischen Wildkatze beschäftige, habe ich bei dem Projekt zugesagt. So hatte ich die Möglichkeit, Hauskatzen zu tracken, die in einem Gebiet leben, in dem auch Wildkatzen vorkommen. Meine Kollegin Carolin Greiner und ich haben dann begonnen, eine wissenschaftliche Fragestellung für das Projekt zu entwickeln.

ZooRoyal: Welche Erwartungen hattest du an das Experiment? Gab es auch Befürchtungen?

Sabrina: In unserem bisherigen Untersuchungsgebiet gab es bereits Kreuzungen zwischen Wildkatzen und Hauskatzen. Da wir von den Wildkatzen wissen, dass sie nicht in die bewohnten Siedlungen gehen, war die Vermutung, dass Hauskatzen im waldnahen Offenland und im Wald unterwegs sind.
Die Ausstattung von Haustieren mit GPS-Sendern war neu für mich und entsprechend war meine Befürchtung, dass den Tieren während der Studie etwas zustößt. Das Besendern von Tieren sollte nie zum Spaß oder zum Hobby gemacht werden, da es letztlich immer Risiken birgt (z.B. Verletzung etc.) Das Anbringen eines Halsbandes oder eines Katzengeschirrs mit einem GPS-Tracker sollte also gut bedacht sein und jegliche Reaktion der Katze sollte genauestens beobachtet werden.
Der Umgang mit Katzenbesitzern war auch eine neue Herausforderung für uns. Die Katzenbesitzer sind nervös und sorgen sich um das Wohlbefinden ihrer Katze. Deshalb sollte man sehr sensibel mit den Besitzern umgeben, sie sehr gut anleiten, offen für Rückfragen sein und respektieren, wenn sie nicht mehr mitmachen möchten.

ZooRoyal: Wonach wurden die Katzen ausgewählt?

Für uns war die räumliche Nähe zum Wald und der angrenzenden Offenlandflächen bei der Auswahl der Hauskatzen wichtig. Wir wollten sehen, ob die Hauskatzen, die am Siedlungsrand lebten, auch ins Offenland bzw. in den Wald gehen. Für die Fernsehdokumentation war es auch wichtig, mehrere Katzen, die zusammen in einem Haushalt leben, zu filmen.
Für die Besenderung der Katzen mit GPS-Tracker haben wir ältere, sehr junge, kranke und trächtige Katzen ausgeschlossen.

ZooRoyal: Wie lassen sich die Ergebnisse zusammenfassen?

Sabrina: Wir hatten zwar über 20 Hauskatzen besendert, aber es ist schwierig, allgemeine Aussagen über das Katzenverhalten zu machen. Die meisten Katzen hatten das GPS-Gerät nur ca. ein bis zwei Wochen getragen. Es ergaben sich zwar jede Menge Daten, aber wenn der Zeitraum so kurz ist, kann man nicht darauf schließen, dass sich die Katzen das ganze Jahr so verhalten. Trotzdem konnten wir uns einen guten Einblick in das Raum-Zeitverhalten der Hauskatzen verschaffen.
Während sich Wildkatzen hauptsächlich in Waldgebieten aufhalten, nutzen Hauskatzen größtenteils urbanes Gebiet wie Straßen und Siedlungen. Es konnten zweimal räumliche Überschneidungen zwischen Streifgebieten von Haus- und Wildkatzen nachgewiesen werden. Die Streifgebiete der Hauskatzen sind wesentlich kleiner als die der Wildkatzen. Der Großteil der besenderten Hauskatzen hielt sich in unmittelbarer Umgebung zum Haus auf. Aber einige Katzen unternahmen regelmäßige Wanderungen und Ausflüge. Die Katzenhalter waren oft sehr überrascht, wo sich die Katze überall herumtreibt. Kater Felix zum Beispiel legte an einem Tag mehr als 5 Kilometer zurück.

ZooRoyal: Stimmt, Kater Felix gehörte zu den Katzen, die durch ihr Verhalten besonders aufgefallen sind. Warum?

Sabrina: Der Kater Felix war ein nicht kastrierter Kater der Rasse Neva Masquarade. Er war ein wunderschöner Kater, der uns viel über seine täglichen Wanderwege verriet. Die Geschichten der Familie, nämlich dass sie ihn als kleines Kätzchen mit in den Schrebergarten nahmen, halfen uns auch dabei, seine Laufwege besser zu verstehen. Er spazierte mehrere Kilometer auf dem Gehweg, überquerte einige Straßen und machte es sich im Schrebergarten gemütlich.

Laufwege von Kater Felix: Jede Farbe kennzeichnet einen neuen Tag. Felix streifte mehrere Kilometer pro Tag umher und überquerte auch eine gefährliche Landstraße.

ZooRoyal: Welche Ergebnisse haben dich noch überrascht?

Sabrina: Wir waren sehr überrascht, dass die meisten Katzen nur im Garten und im Haus unterwegs waren. Das stand im Gegensatz zu den Angaben der Besitzer, die uns mitteilten, wo ihre Katze schon überall gesehen wurde und wie viele Beutetiere sie schon mit nach Hause gebracht hat. Wir gingen im Allgemeinen von größeren Revieren aus und, dass sich die Katzen auch im nahegelegenen Offenland und Wald aufhalten werden. Aufgrund der Angaben der Besitzer gingen wir auch davon aus, dass die Katzen mehr Beutetiere mit nach Hause bringen. Von über 20 Katzen haben aber nur drei Katzen Mäuse und Vögel mit nach Hause gebracht. Es stellte sich aber auch heraus, dass eine Katze zwei Familien hatte – wobei die Familien nichts von der jeweils anderen wussten.
Die Einblicke, die wir über die Tierkameras erhalten haben, waren auch überraschend. So durften wir beobachten, wie Susi, eine sehr erfahrene Katze, die täglich viel befahrene Straßen quert, zuvor immer nach links und rechts schaute, bevor sie tatsächlich die Straße querte.

ZooRoyal: Wofür nutzt du die Ergebnisse bzw. wofür können die Ergebnisse hilfreich sein?

Sabrina: Ich arbeite hauptsächlich an der Wildkatze und an Schutzbemühungen für diese sehr seltene und streng geschützte Tierart. Durch die Dokumentation zur Hauskatze konnten wir gleichzeitig über die weniger bekannte Wildkatze informieren. Vielen Menschen ist gar nicht klar, dass es sich bei der Wildkatze nicht um eine verwilderte Hauskatze handelt, sondern um ein richtiges Wildtier, das in einigen Waldgebieten in Deutschland wild vorkommt.
Im Moment arbeiten wir an einem Aktionsplan für die Wildkatze. Der Aktionsplan enthält auch Empfehlungen für Katzenhalter, wie sie zum Schutz der Wildkatze beitragen können, zum Beispiel indem sie ihre Katze kastrieren. Aber auch der Impfschutz könnte dem Schutz der Wildkatzen dienen.

ZooRoyal: Die Ergebnisse haben gezeigt, dass die Katzen teilweise sehr gefährlich leben. Würdest du trotzdem jedem Katzenhalter den Freigang ihrer Katze empfehlen?

Sabrina: Ich kann den Katzenhalter leider keine Empfehlungen geben, dafür sind unsere Ergebnisse nicht aussagekräftig genug. Trotzdem rate ich jedem Katzenhalter, die Katze kastrieren zu lassen. Das schränkt den natürlichen Bewegungsradius der Katze ein und sie überquert vermutlich dadurch weniger Straßen.

 


Sabrina Streif ist Diplom-Biologin und befasst sich in mehreren Forschungsprojekten mit der Ökologie verschiedener Katzenrassen. Besonders die Wildkatze hat ihr Interesse geweckt. Die Aufklärung über die Wildkatze und ihre Rückkehr in unsere Landschaft liegen ihr sehr am Herzen. Sie ist Autorin des Buches „Wildkatzen – Rückkehr in unsere Wälder“.