Schnecken im Aquarium – Segen oder Fluch?

Bei kaum einem Thema scheiden sich die Geister unter den Aquarianern so sehr wie beim Thema „Schnecken im Aquarium“. Auf der einen Seite gibt es die Schneckenfreunde, die sich an diesen Lebewesen und ihren häufig nützlichen Eigenschaften im Aquarium erfreuen, und andererseits gibt es auch Schneckenhasser, die alles daransetzen, um beispielsweise durch neue Wasserpflanzen eingeschleppte Tiere wieder penibel zu beseitigen. Einige Schneckenarten neigen natürlich bei starker Fütterung im Aquarium auch zu einer Massenvermehrung und sind dann aus diesem Grund auch ein Ärgernis.

Schnecken als Algenfresser im Aquarium

Die am häufigsten im Zoofachhandel gekauften Schnecken sind die Nixenschnecken (Familie Neritidae) der Gattungen Neritina und Clithon, die sowohl im Süß- als auch im Brackwasseraquarium gepflegt werden können. Sie eignen sich bei weitem am besten als Algenfresser und beseitigen eifrig grünen Algenaufwuchs oder Kieselalgen von den Aquarienscheiben oder anderen Einrichtungsgegenständen. Allerdings haben diese Schnecken auch einen großen Nachteil, denn sie verlassen regelmäßig das Aquarium und vertrocknen dann außerhalb, wenn dieses nicht vollständig abgedeckt ist. Nixenschnecken sind getrenntgeschlechtlich und es werden regelmäßig Kokons mit Eiern auch im Aquarium abgelegt, aus denen sich im Aquarium jedoch keine Nachkommen entwickeln. In ihren natürlichen Lebensräumen werden die geschlüpften Larven ins Meer verdriftet, wo sie sich weiterentwickeln. Dies ist im Aquarium unter normalen Bedingungen nicht möglich. Die am häufigsten gepflegte Nixenschnecke ist Neritina turrita, die recht Variabel ist und z. B. als Zebra- oder Leopard-Rennschnecke im Handel erhältlich ist.

Haben Schnecken im Aquarium noch einen weiteren Nutzen?

Viele Schnecken raspeln weiche Algenbeläge von den Aquarienscheiben ab, aber neben den Nixenschnecken gibt es nur wenige richtig gute und gründliche Algenfresser. Aber Schnecken haben noch einen anderen Nutzen im Aquarium und somit eine Daseinsberechtigung. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass Futterreste im Aquarium nicht übrigbleiben und in Fäulnis übergehen. Fehlen sie, so kommt es zu starker Wasserbelastung, die die Fischgesundheit sehr beeinträchtigen kann.
Weiterhin sorgen viele Schneckenarten auch dafür, dass auch der Bodengrund „umgegraben“ und gelockert wird, so dass keine Faulstellen entstehen können. Ein Paradebeispiel dafür ist die Malaiische Turmdeckelschnecke (Melanoides tuberculata), die diesbezüglich sehr nützlich sein kann, sehr gut auch Futterreste beseitigt, aber sich bei übermäßiger Fütterung auch sehr stark vermehren kann. Denn diese Schnecke ist lebendgebärend und recht produktiv.

Attraktive Schnecken, die aber keinen größeren Nutzen haben

Turmdeckelschnecken

Unter den Turmdeckelschnecken gibt es auch größere Arten, die bis zu 10 cm lang werden können, aber ein recht skurriles Gehäuse oder einen farblich attraktiven Körper zeigen. Zwar sind auch sie durchaus als Restevertilger und zur Auflockerung des Bodengrundes einsetzbar. Aber sie sind keine sehr guten Algenfresser und anspruchsvoller sowie weniger produktiv in der Vermehrung. Deshalb ist ihr Nutzen begrenzt und dennoch haben diese Schnecken viele Freunde im Hobby, die bereit sind, für eine einzelne Schnecke auch mal tiefer in die Tasche zu greifen und mehr als 5 Euro auszugeben.
Solche lebendgebärenden Schnecken mit einem häufig skurrilen Gehäuse sind beispielsweise die Vertreter der in Südostasien weit verbreiteten Gattung Brotia. Diese Schnecken kannst Du unter guten Bedingungen auch im Gesellschaftsaquarium durchaus vermehren, wenn es nicht zu viel Nahrungskonkurrenz durch andere Schnecken gibt.

Felsschnecken

Die Felsschnecken der Gattung Tylomelania, die auf der Insel Sulawesi eine unglaubliche Artenvielfalt und teilweise sehr kontrastreiche oder bunte Körperfarben ausgebildet haben, sind sicherlich die am meisten hochpreisigen Schnecken, die man im Zoofachhandel erwerben kann. Sie mögen es zwar etwas wärmer (etwa 25-30 °C), lassen sich jedoch auch gut im Aquarium vermehren.
Was tun, wenn sich die Schnecken massenhaft vermehrt haben?
Zu einer massenhaften Vermehrung im Aquarium neigen nur wenige Arten, wenn das Futterangebot zu groß ist. Dies hat dann jedoch der Pflege meist selbst zu verantworten, weil er so viel gefüttert hat, dass zu viel für die Schnecken übrigbleibt. Du solltest also am besten nicht mehr füttern als von Deinen Fischen in Kürze weggefressen wird.

Spitze Blasenschnecke

Neben der Malaiischen Turmdeckelschnecke, die meines Erachtens nur ein kleines Übel ist (ich siebe meinen Sandbodengrund von Zeit zu Zeit aus, um zu viel gewordene Schnecken aus dem Aquarium zu entfernen!), neigt vor allem die Spitze Blasenschnecke (Physella acuta) zu einer massenhaften Vermehrung. Die Tiere sind Zwitter, so dass eine einzelne Jungschnecke bereits nach 6-8 Wochen geschlechtsreif ist und jede Woche 50-100 Eier in schleimigen Eipaketen ablegen kann. Blasenschnecken lassen sich leider durch Absammeln schwer in den Griff bekommen. Wer sie loswerden möchte, kann jedoch dies gezielt durch die Anschaffung von Schneckenfressern realisieren.

Schnecken im Aquarium loswerden

So sind Schnecken beispielsweise die Leibspeise vieler Kugelfische und Schmerlen der Familie Botiidae (Prachtschmerlenverwandte), jedoch sind einige Arten dieser Fischgruppen auch nicht unbedingt umgängliche Aquarienbewohner. Einzelne Arten neigen dazu, auch den Beifischen gerne mal in die Flossen zu beißen und diese zu drangsalieren. Eine elegante Möglichkeit der Schneckenbekämpfung ist der Einsatz einer weiteren Schnecke, der Raubschnecke (Clea helena). Diese dezimiert nach einer Weile meist zuverlässig die Blasenschnecken bis zum völligen Verschwinden. Sie vermehrt sich aber wiederum selbst, jedoch bei weitem nicht so massenhaft, so dass ein Absammeln kein Problem ist. Auch sie frisst Futterreste und Aas im Aquarium, nur ist diese Schnecke ein reiner Fleischfresser.

Sind alle Schnecken gut im Aquarium haltbar?

Es gibt durchaus Schnecken, die so anspruchsvoll sind, dass sie für ein Gesellschaftsaquarium nicht geeignet sind. Sie haben beispielsweise die skurrilen Pagodenschnecken (Brotia pagodula) eine sehr hohe Sterblichkeit, auch Nachkommen kommen im Aquarium selten zur Entwicklung. Hier würde eine Verfütterung von speziellen Algen (z.B. Chlorella) eventuell Abhilfe schaffen. Besser lässt Du jedoch von solchen Arten die Finger.

Fazit

Du solltest Dir bei der Anschaffung eines Aquariums durchaus Gedanken machen, ob und welche Schnecken Du pflegen möchtest, denn einige Arten können durchaus zur Plage werden. Ich möchte in meinen Aquarien jedoch Schnecken nicht vermissen, denn ihr Nutzen ist aus meiner Sicht größer als ihr Schaden. So schätze ich die Malaiische Turmdeckelschnecke als einen ganz wichtigen Indikator für eine gute Wasserqualität. Kommen Sie massenhaft aus dem Boden heraus, ist entweder ein Wasserwechsel dringend nötig oder der Sauerstoffgehalt des Wassers zu gering. Aquarien mit einem guten Bestand an Schnecken sind auf jeden Fall für Anfänger deutlich einfacher zu betreiben, da diese ja leicht dazu neigen, mal etwas zu viel zu füttern.


Ingo Seidel ist seit seiner Kindheit von der Natur begeistert und bekam im Alter von sechs Jahren sein erstes Aquarium. Sein Spezialgebiet sind die Welse, aber als engagierter Mitarbeiter im Zierfischgroßhandel hat er mittlerweile sehr gute Kenntnis von den meisten Süßwasserfischen erlangt. Er ist Autor unzähliger Berichte in Aquarienzeitschriften und veröffentlichte mittlerweile auch diverse Fachbücher. In der Internationalen Gemeinschaft Barben-Salmler-Schmerlen-Welse war er jahrelang Leiter der Sparte Welse, aktuell ist er dort Redakteur des BSSW-Reports.